Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR das Erbe verriet
Franz-Xaver OderwaldHalberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR das Erbe verriet
Halberstadts jüdische Geschichte wurde zwischen 1938 und 1942 fast ausgelöscht, als die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde systematisch zerstört wurde. Die Pogromnacht im November 1938, in der die Synagoge der Stadt niedergebrannt wurde, markierte den Beginn dieser Verwüstung. Jahrzehnte später untersucht der Historiker Philipp Graf in seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: Rejected Legacy), was von diesem Erbe in der DDR übrig blieb – und wie deren antifaschistische Politik versagte, es zu bewahren.
Vor dem Krieg war Halberstadt ein zentraler Ort jüdischen Lebens gewesen, insbesondere für das neo-orthodoxe Judentum. Doch bis 1942 war die Gemeinde vernichtet. Nur wenige überlebten, darunter Willy Calm, der 1961 als letzter offizieller Vertreter der jüdischen Bevölkerung Halberstadts galt.
1949 wurde am Standort des ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal eingeweiht, das an die Opfer von Zwangsarbeit erinnerte – viele von ihnen Juden. Zwanzig Jahre später gestaltete die DDR die Gedenkstätte um: Aus ihr wurde ein Ort politischer Loyalitätsbekundungen – direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.
Grafs Forschung zeigt, wie die antifaschistische Rhetorik der DDR jüdische Kultur oft ignorierte. Zwar deckt er vergessene Beiträge auf – etwa die Werke der Sängerin Lin Jaldati, des Schriftstellers Peter Edel oder des Romanschriftstellers Jurek Becker – doch seine Analyse enthält auch pauschale Behauptungen, etwa den Vorwurf, die DDR habe keinerlei jüdisches Kulturerbe hinterlassen. Dieser Widerspruch wurde zum Kernpunkt seiner Studie.
Das Thema flammte 2018 wieder auf, als Halberstadts Rathauspassagen verkauft wurden und Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ die Runde machten. Der Vorfall veranlasste Graf, tiefer in die unbewältigte Vergangenheit der Stadt und die fortbestehenden Spuren des Antisemitismus einzutauchen.
Grafs Buch wirft Licht auf eine Geschichte, die in der DDR sowohl unterdrückt als auch verfälscht wurde. Das Mahnmal in Langenstein-Zwieberge, die umfunktionierten Tunnel und das verblassende Andenken an Halberstadts jüdische Gemeinde verweisen auf ein Erbe, das nie wirklich aufgearbeitet wurde. Heute dienen seine Erkenntnisse als Dokumentation dessen, was verloren ging – und wie wenig davon bewahrt blieb.






