Der Flaggenstreit der Weimarer Republik spaltete eine ganze Nation bis 1933
Franz-Xaver OderwaldDer Flaggenstreit der Weimarer Republik spaltete eine ganze Nation bis 1933
Ein erbitterter Streit um die deutschen Nationalfarben vertiefte während der Weimarer Republik die politischen Gräben. Im Mittelpunkt des Konflikts standen zwei Flaggen: die republikanische Schwarz-Rot-Gold und die kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot. Bis 1926 hatten sich die Spannungen bis in den Alltag ausgebreitet – von Kirchtürmen bis hin zu Strandbädern.
Die Spaltung begann, nachdem die Nationalversammlung 1919 Schwarz-Rot-Gold als offizielle Flagge angenommen hatte. Rechtsparteien, darunter die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die Deutsche Volkspartei (DVP), lehnten die Änderung ab und setzten sich für eine Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben ein. Unterdessen unterstützte die „Weimarer Koalition“ – bestehend aus SPD, DDP und der katholischen Zentrumspartei – entschlossen die neue republikanische Flagge.
Bis zur Präsidentschaftswahl 1925 hatte sich die Spaltung verfestigt. Anhänger von Schwarz-Rot-Gold formierten sich im „Schwarz-Rot-Gold-Volksblock“, während Befürworter von Schwarz-Weiß-Rot den „Schwarz-Weiß-Rot-Reichsblock“ bildeten. Der Sieg Paul von Hindenburgs in jenem Jahr milderte die Spannungen kaum.
Im Mai 1926 schlug Reichskanzler Hans Luther auf Antrag der DVP vor, die kaiserlichen Farben für diplomatische Vertretungen im Ausland wieder einzuführen. Hindenburg billigte den Vorschlag am 5. Mai und erließ die Zweite Flaggenverordnung. Das Dekret verpflichtete deutsche Botschaften und Konsulate außerhalb Europas, sowohl die republikanische Trikolore als auch die Handelsflagge – Schwarz-Weiß-Rot mit den kaiserlichen Farben im Oberliek – zu hissen.
Der Schritt war kalkuliert. Luthers Regierung wusste, dass die Entscheidung die Linke und die Mitte verärgern und sie hinter Schwarz-Rot-Gold vereinen würde. Selbst der Reichskunstwart, der mit der Gestaltung einer Kompromissflagge beauftragt worden war, scheiterte an der Überbrückung der Gegensätze.
Streitigkeiten brachen bald in der Öffentlichkeit aus. Es gab Auseinandersetzungen über Mützenbänder, Kirchenflaggen und sogar Strandwimpel, wobei sich jede Seite gegenseitig Illoyalität vorwarf. Am 9. Mai versuchte Hindenburg, den Sturm mit einem offenen Brief zu beruhigen und zu einem verfassungsmäßigen Kompromiss aufzurufen. Doch der Flaggenstreit schwelte unverändert weiter – bis 1933.
Die Zweite Flaggenverordnung löste den Konflikt nicht, sondern zementierte die politische Spaltung. Beide Seiten hielten an ihren Farben fest, und der Streit blieb bis zum Untergang der Weimarer Republik 1933 ungelöst.






